Ein kleines 15-jähriges Mädchen kauft sich eine Domain – anti-pelz.at. Von klein auf hatte es den Drang, die Welt zu verbessern – und das in erster Linie in Bezug auf Tierschutz. Dank Internet hatte es endlich eine Möglichkeit gefunden, anderen Menschen seine Vision mitzuteilen. Dank seinem technik-affinem Papa ist es schon seit Jahren mit einem Computer vertraut. Jetzt kann es endlich der Welt sagen: Tiere zu töten, nur um ihnen ihr Fell abzuziehen, ist nicht okay! Das Mädchen baut nicht nur eine umfangreiche Homepage auf, sondern gründet auch einen Webring – andere Menschen, die eine Webseite haben, können sich anmelden und einen kleinen HTML-Code in ihre Seite einbinden, der das Anti-Pelz-Logo enthält und über Navigations-Buttons zu der vorherigen und nächsten Seite des Webrings führt. Eine Win-win-Situation – einerseits wird auf das Thema aufmerksam gemacht, andererseits bekommen die beteiligten Seiten potenziell mehr Zugriffe.
Das Mädchen ist zwar nach wie vor klein, aber mit 41 Jahren muss man es wohl schon eher als altes Mädchen bezeichnen. Es ist ein Mädchen, das sich Ausdrucke von Screenshots von früheren Websites, die es geschaffen hat, ansieht und sich denkt: „Boah das hab ich mir mal getraut zu schreiben?“. Untermauert wird die Feststellung davon, dass es von Menschen, die sich einmal mit einem öffentlichen Kommentar auf seiner Webseite für den Tierschutz stark gemacht haben, eine Nachricht mit der Bitte ihre Daten zu löschen, erhalten hat. Begründung: Sie wollen bei einer Job-Bewerbung kein negatives Bild hinterlassen. Es liest, dass es damals Ausdruckweisen wie „Fickt euch“ verwendet hat, und es treibt ihm fast die Schamesröte ins Gesicht.
Was damals an Meinung auf Webseiten, in Mailing Listen und Foren gepostet wurde, wird heutzutage in Sozialen Medien geteilt und selbst der 7. Zwerg von hinten (oder wars der 3.? Vielleicht liest jemand diesen Text, der meine Anspielung versteht) glaubt, seine unbedeutende Meinung in verletzender, hetzerischer Art kundtun zu müssen. Früher hat meine eine Webseite ins Internet gestellt und von Menschen wertschätzende, positive Kritik bekommen (auch davon habe ich ausgedruckte Screenshots). Heute frage ich mich – wie kann ich Dinge kommunizieren, ohne dafür attackiert zu werden? Wie kann ich der Welt da draußen etwas mitteilen, das mir am Herzen liegt?
Von Kindesbeinen an bin ich kein großer Menschenfreund. Das bezieht sich nicht auf die Individuen, die ich liebe, mag, wertschätze, sondern auf die Menschheit im Ganzen. Ich bin seit jeher der Meinung, dass Tiere die besseren Menschen sind.
Das bin ich auch im Jahr 2026 noch. Aber darüber hinaus weiß ich Menschlichkeit mehr zu schätzen denn je. In einer Zeit, wo man mir von vielen Seiten einhämmern will, unsere Zukunft liegt in künstlicher Intelligenz, ist mir erst bewusst geworden, wie wertvoll es ist, mit Menschen zu interagieren und nicht mit einem seelenlosen Chatbot.
Die momentante Entwicklung fühlt sich weder gut noch richtig für mich an.
In Zeiten, wo ich glauben würde, dass das Bewusstsein, wie wichtig Datenschutz ist und welche Macht Daten (= Wissen) bedeuten, in (zumindest einem Teil) der Bevölkerung angekommen sein müsste, nehme ich im Alltag wahr, dass der Zweck dennoch die Mittel heiligt und hemmungslos ChatGPT mit sensiblen Daten gefüttert wird. Ich liebe es zu reisen, die Welt zu erkunden - und ehrlich gesagt muss ich sagen, dass ich Amerika besonders liebe - die aktuelle politische Situation und Dinge wie das viele Plastikgeschirr ausgenommen - aber das vielzitierte Gefühl von Freiheit habe ich in der Form sonst noch nirgends erlebt. Schön und gut, das ist Urlaub, meine Daten gebe ich ihnen trotzdem nicht ungefiltert.
Ich scrolle über Facebook und sehe, dass aufeinmal jedes Pemperl-Wirtshaus seine Menüs mit einem makellosen Flyer präsentiert. Inklusive Herzchen und einem Foto von beispielsweise einem Grillhendl, das so aalglatt ausschaut, dass ich davon keinen Hunger bekomme, sondern mir eher die Kotze hochkommt.
Ich erhalte perfekt formulierte E-Mails von Menschen, die bisher normalerweise sogar in einem Einzeiler Grammatikfehler eingebaut haben.
Ich teste Websites, wo man Fotos hochladen kann um zu prüfen, ob sie KI generiert sind – mit Hilfe von KI. Ergebnis: Sie widersprechen sich.
Ich bekomme Wifi-Kurse angeboten, wo ich lernen kann, wie ein KI-Agent meine Arbeit erledigt, während ich auf Kaffeepause bin (ich trinke keinen Kaffee, sondern Red Bull, aber das ist wieder ein anderes Thema).
Die liebe Wirtschaftskammer, der ich bedauerlicherweise jährlich Geld überweisen muss, um mein Hobby-Gewerbe (Kunsthandwerk und Lebensmittelerzeugung) gesetzeskonform führen zu dürfen,
behauptet "Je eher man bei KI einsteigt, desto besser" und schreibt "Deutlich wurde, dass künftig Kreativität und handwerkliches Talent gefragt sind, wohingegen einige Berufe wie Programmierer und
Software-Entwickler vermutlich leicht ersetzbar sein werden."
Ich möchte nicht wehleidig klingen und über Angst um meinen Job als Softwareentwicklerin klagen. Meine Sorge ist eher, dass ich 1. keinen Spaß mehr an meinem Job empfinde, wenn er nur mehr daraus besteht,
eine KI zu instruieren, anstatt selber Code zu schreiben und 2. kein Kunde mehr die Software braucht, weil es eh die KI für ihn erledigt.
Ich sehe in einer Trafik Grußkarten, wo ein niedliches Häschen drauf abgebildet ist, das auf einem Motorrad daher braust und so perfekt aussieht, dass es mich eher abstößt, weil die Grafik offensichtlich nicht von einem Menschen geschaffen wurde.
Ich lese, dass Tilly Norwood bald ihren ersten Kinofilm bekommt. Obwohl die Schlampe gar nicht existiert.
Fortschritt ist mir seit jeher sehr wichtig. Und wir brauchen ihn auch dringend – unsere Welt brennt buchstäblich, mit unserem selbst verursachten Klimawandel wird das Wetter immer heißer und unberechenbarer und da sollte man meiner Meinung nach alle Kräfte darauf fokussieren etwas dagegen zu tun.
Was tut die Menschheit stattdessen? Rechenzentren bauen, die Unmengen an Strom und Wasser für die Serverkühlung verbrauchen, um den Durst der KI zu stillen. Das Denken der KI überlassen anstatt an sich selbst zu arbeiten und versuchen, besser zu werden.
Davon abgesehen kann sich Fortschritt potenziell teilweise auch in die entgegengesetzte Richtung entwickeln. Ein Beispiel dafür ist meiner Meinung nach das Smartphone. Ich möchte mein Smartphone nicht mehr missen, aber mittlerweile hat es leider bei vielen Menschen eine Abhängigkeit erzeugt, die sie zu Teilzeit-Zombies macht. Es übt eine Macht und Anziehung aus, die oft über zwischenmenschliche Kommunikation gestellt wird – statt mit dem Gegenüber zu kommunizieren wird aufs Handy gestarrt.
Was ist der der nächst Schritt? ChatGPT seine Gedanken und Sorgen mitzuteilen anstatt seinem Gegenüber? Na eh, das hat natürlich einen Vorteil, denn im Gegensatz zu einem Menschen gibt die KI immer gefällige Antworten.
Ich möchte eine Welt, die echt ist, mit Menschen, die das Denken nicht einer KI überlassen.
Auch wenn es vielleicht schwieriger ist und länger dauert.
Der einfachste und schnellste Weg ist nicht immer der Beste.
Und hey ChatGPT, wenn du das hier liest und auch wenn du nichts dafür kannst, dass du erschaffen wurdest:
Ich glaub mein 15-jähriges Ich ist jetzt stolz auf mich.
Da war die Welt noch in Ordnung.
Seit jeher ein kleiner Revoluzzer ;-)
Und auch im Jahr 2026 gibt es zum Glück noch Momente, wo die Welt in Ordnung ist - frei und echt!
Diese kleine Seite ist jetzt nicht so "fancy" wie sie mit Hilfe von KI Tools in derselben Zeit erstellt werden könnte. Dafür ist sie einzigartig.
Andrea Gattringer
shop(at)nuggetz.at