Der Pelz ist zurück

Kein Stoff polarisiert mehr als Pelz. Die vergangenen Modenschauen in New York, Mailand und Paris zeigen: Das letzte große Tabu der Modebranche wird nun gebrochen.

Er ist wieder da. Wie selbstverständlich hängt er über den schmalen Model-Schultern in New York, London, Mailand und Paris: der Pelz. In den vergangenen Jahren sah man ihn höchstens dezent an Kragen, versteckt in fellgefütterten Mänteln oder an Accessoires wie Kappen und Stolen. Die Zeit des Understatements ist jetzt vorbei. Einige Designer wie J. Mendel oder Roberto Cavalli konzentrierten sich in ihren Kollektionen so sehr auf Tierhäute, dass Modekritiker schon von einer "Pelz-Parade" sprachen.

Kein Stoff polarisiert so wie Pelz. Seine Gegner sehen in ihm Leichenhäute unschuldiger Tiere, seine Liebhaber kennen kein eleganteres Material. Pelz war die erste Kleidung des Menschen, später das erste Abgrenzungszeichen zwischen gesellschaftlichen Ständen. Im alten Ägypten erkannte man Würdenträger an ihrem um den Körper gelegten Leopardenfell mit Kopf, Klauen und Schwanz. Im Mittelalter durften nur die führenden Stände die teuersten Felle von Marder, Zobel, Luchs und Hermelin für sich verwenden.

Warum kommt Pelz gerade jetzt zurück? Und in diesem Ausmaß? Die Preise für Nerz seien in dieser Saison um 35 Prozent gestiegen, sagt Susanne Kolb-Wachtel, Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts. Interessant sei, dass viele Käufer aus der Türkei und Italien kämen, den traditionell textilverarbeitenden Ländern. "Wenn das innerhalb einer finanzschwachen Zeit passiert, ist es ein starkes Indiz dafür, dass die Einkäufer mit einer starken Nachfrage der Couturiers rechnen."

"Vieles in der Mode deutet gerade auf das Gefühl des Sich-Einhüllens, Sich-Schützens hin", sagt Elke Giese vom Deutschen Institut für Mode. "Pelz befriedigt das Gefühl, beschützt zu werden. Man will sich einkuscheln und wärmen."

Auf Wärmekriterien kann man die kommende Wintermode allerdings nicht reduzieren. Zu verspielt, zu verschwenderisch gehen die Designer mit dem Material um: Sie dekorieren die Außenseite von Stiefeln mit riesigen Fellstücken, präsentieren opulente Fellhandtaschen und ärmellose Pelzmäntel.

In den siebziger Jahren verlor der Pelz seine Statusfunktion und vielleicht so auch seine Erotik. Er geriet stark in Verruf, dass man schon viel Eigensinn – und eine gute Versicherung – brauchte, um sich angesichts Sprühdosen-bewehrter Tierschützer noch fellbekleidet in die Öffentlichkeit zu wagen. Noch gravierender war der Imageschaden: Pelztragenden Frauen haftete das Bild einer abgetakelten, aus der Zeit gefallenen Diva an.

Nun entdecken die Diven den Pelz wieder für sich. Nicht nur die Models auf den Laufstegen, auch die Prominenten in der ersten Reihe der großen Schauen zeigten sich in New York so ungeniert im Pelz, dass sogar der Verband der deutschen Pelzindustrie auf seiner Website mit Erstaunen reagierte. Selbst die um ihr Sauberkeitsimage bemühten Hollywood-Stars haben die Hemmungen verloren. Offensichtlich hat Pelz den Nimbus gerade noch erlaubter Verruchtheit, sodass er für viele Filmstars plötzlich attraktiv ist.

Die neue Generation der Modekonsumentinnen wolle sich von den dogmatischen Prinzipien ihrer Eltern absetzen, sagt Elke Giese vom Deutschen Modeinstitut. Ist das nicht ein Widerspruch zu der "Loha-Bewegung", die einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil propagiert? Nicht unbedingt. "Pelz ist für mich zum Beispiel viel ökologischer als die billig produzierte Massenware vieler großer Textilketten", sagt Giese. Die Frage, was nachhaltig und political correct ist, wird immer schwerer zu beantworten. Zudem macht sich ein Ermüdungseffekt breit angesichts der unübersichtlichen Flut von "Green-Fashion"- und Ökozertifikaten.

Es ist offenbar die reine Lust am Material. Kaum eines verkörpert wohl mehr Sinnlichkeit. Dionysos, der griechische Gott des Weins und der Fruchtbarkeit, wurde in der Antike häufig in einem Pantherrock dargestellt. Für Sigmund Freud symbolisierte Pelz die Schamhaare, im Englischen steht das Wort fur für das weibliche Geschlecht. Einer der berühmtesten erotischen Romane, Venus im Pelz, beschreibt, wie sich die "Herrin" Wanda ihrem "Sklaven" Severin so oft als möglich im Pelz zeigt. Der Autor, Leopold von Sacher-Masoch wurde sogar zum Namensgeber einer sexuellen Ausrichtung: des Masochismus.

Dennoch erfüllt Pelzkleidung nicht die gängigen Vorurteile des "Weibchen-"Schemas. Eine Frau im Pelzmantel strahlt vielmehr eine gewisse Unnahbarkeit aus. Ein Eindruck, der wahrscheinlich vom Standesdenken kommt, das mit dem Tragen von Pelz verbunden wurde.

Auf den Prêt-à-Porter-Schauen in Paris spielte der junge Pelzdesigner Quentin Veron provokativ mit dem bekannten Tierschützer-Slogan "I'd rather go naked than wear fur". Zum Abschluss seiner Modenschau schickte er ein Model über den Laufsteg, auf dessen T-Shirt stand: "I'd rather wear fur than go naked."

Es sei typisch, dass gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein gewisser Trotzeffekt in der Mode einsetze, sagt Giese. "Viele hatten vermutet, dass Mode in einer Wirtschaftskrise keine Rolle spielt. Das Gegenteil ist eingetreten. Keiner will zurückbleiben, wenn er Veränderung spürt, sondern zeigen, dass auch er sich verändert. Alle Statistiken bestätigen, dass weniger, aber dafür teurer gekauft wird." Durch den Einsatz von echtem Pelz demonstrieren auch die großen Designhäuser ihre Abgrenzung zu den Billig-Textilanbietern. "Ideen sind heute ja relativ schnell kopierbar", sagt Giese. "Mit teuren Materialien wie Pelz kann die Haute Couture ihren hohen Preis rechtfertigen."

Letztlich wollen sich auch die Kunden vom Mainstream abgrenzen. "Es geht in der Mode heute sehr stark um Individualität und darum, seinen eigenen Stil zu kreieren", sagt Giese. "Wir stellen unser Outfit aus Einzelstücken zusammen, vieles davon stammt vom Flohmarkt. Auch Pelze werden gerade gerne Second Hand gekauft." Fest steht: Im kommenden Winter wird vermehrt Pelz getragen werden. Von einer neuen Generation von Trägerinnen. Ein dickes Fell sollten sie sich schon mal zulegen.

Artikel vom 2010-03-10, Quelle: ZEIT ONLINE

       

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